Wie ein jüdischer Trainer den Offensivfußball weltweit prägte - Die Geschichte von Béla Guttmann


(Béla Guttmann Statue in Lissabon - Quelle: Francisco Cunha)


Béla Guttmann


ist als Sohn jüdischer Eltern 1899 in Budapest geboren und wuchs in der Österreichisch-Ungarischen Monarchie auf. Guttmanns Eltern waren beruflich Tanzlehrer, die ihn offen und liberal erzogen. Béla Guttmann wollte selbst Tanzlehrer werden und erreichte mit 16 Jahren ein Diplom als Lehrer für klassische Tänze. Dies öffnete ihn auch den Weg für den Fußball.


Der respektierte Fußballer


Mitten im 1. Weltkrieg begann Béla Guttmann seine fußballerische Karriere bei Törekvés SE. Dank der Tanzausbildung und der liberalen Erziehung seiner Eltern verfügte Béla Guttmann bereits mit 17 Jahren ein ausgeprägtes Selbstvertrauen und eine gute Körperbeherrschung. Durch gute Leistungen als Spielmacher wechselte er zu MTK Budapest, mit denen er 1920 und 1921 die ungarische Meisterschaft holte. MTK Budapest war der Stolz des ungarisch-jüdischen Bürgertums. Nach den Meistertiteln wurde Béla Guttmann hochbegabter Spielstil überall in Ungarn gefürchtet und respektiert.


Durch einen Schwarzgeld-Skandal, in dem viele ungarische Spieler illegal bezahlt wurden und aufgeflogen waren, wurde der Profifußball 1925 eingeführt, um eine reguläre Bezahlung der Fußballer zu gewährleisten. Béla Guttmann war auch vom Schwarzgeld-Skandal betroffen, weswegen er 1922 zu dem jüdischen Sportverein Hakoah Wien wechselte. In den 1920er-Jahren ging Hakoah Wien auf eine Welt-Tournee, um gegen viele verschiedene Gegner anzutreten. Zum Beispiel 1923 in England: Hakoah Wien trug ein Testspiel gegen den damaligen FA-Cup-Finalisten West Ham aus und bezwang diesen mit 5:0. Durch diesen Sieg sorgte man für ein Novum: Hakoah Wien war somit die erste kontinentale Mannschaft, die ein Spiel in England gewinnen konnte.



American Dream


In den folgenden Jahren lief es sportlich gut für Hakoah Wien. Man gewann 1925 die österreichische Meisterschaft. Nach der Meisterschaft und dem zunehmenden Antisemitismus in Europa führte Hakoah Wien die Tournee nach Amerika fort. Auf Grund einer besseren Perspektive setzten sich viele Spieler von Hakoah Wien in New York ab, mit dabei: Béla Guttmann.


In New York wollte er den Fußball voranbringen. Er spielte in der Soccer-League für die New York Giants, für New York Hakoah FC, Hakoah All Stars Brooklyn und den New York Soccer Club. Nebenbei verdiente er Geld als Tanzlehrer und war Teilhaber einer der größten New Yorker Bars. Die Bar machte ihn reich und beliebt, jedenfalls bis zum Börsencrash 1929. Durch diesen wurde Béla Guttmann mittelos.


Plötzlich lachte niemand mehr über meinen Schmäh, grüßte mich keiner mehr, wurde ich nirgends mehr eingeladen“ – sagte Béla Guttmann damals.


1932, mit 33 Jahren, verließ Bela Guttmann Amerika und kehrte nach Wien zurück. Ein Jahr bevor die Nationalsozialisten an die Macht kamen. Trotz dessen lief Béla Guttmann nochmals für Hakoah Wien auf und begann ein Jahr später seine berühmte Trainerkarriere.


Guttmann - Der Profi


Im Laufe seiner Karriere war Béla Guttmann für 18 Vereinsmannschaften, eine Nationalmannschaft und in 13 Ländern tätig. Als Trainer setzte Béla Guttmann auf Professionalität und auf Disziplin. Wenn sture Clubbosse seine Autorität im Verein infrage stellten oder ihn nicht ordentlich entlohnten, wechselte er sofort den Verein. Dass seine Leistungen angemessen bezahlt werden, war seine Vorstellung von Professionalität. Für Béla Guttmann war es eine Demütigung, nicht für seine Leistungen angemessen bezahlt zu werden. Béla Guttmann wollte eine taktische Revolution anzetteln. Mit einem offensiven 4-2-4 wollte er so viele Tore wie möglich erzielen und hinterließ dem Weltfußball ein überall angewandtes System. Ein 0:0 hat Béla Guttmann gehasst.


So erklärte er mal seinen Spielern: „Wenn Sie mit einem Mädel zusammen sind, dann wollen Sie doch auch nicht immer nur küssen und schmusen, sondern zum Abschluss kommen.“


Die erste Trainerstation Béla Guttmanns war Hakoah Wien. Dort war er aber nicht so erfolgreich und entging zwei Mal knapp dem Abstieg. Das lag wieder mal an einer Tournee, die nach Frankreich ging. Weil der Antisemitismus in Wien schlimmer wurde, setzten sich viele jüdische Spieler von Hakoah Wien nach Frankreich ab.


Der Karriere wegen verließ Béla Guttmann auch Österreich. 1935 wurde er zum SC Enschede in den Niederlanden vermittelt. Obwohl der SC Enschede als Außenseiter galt, wollte Béla Guttmann die Meisterschaft holen und das gelang ihm auch beinahe. Erst die entscheidenden Spiele gegen den späteren Meister Feyenoord Rotterdam stoppten Béla Guttmann und den SC Enschede.


Danach kehrte Béla Guttmann nochmals nach Wien zurück, um Hakoah Wien zu trainieren. In Österreich wurde es als Jude gefährlicher für ihn. 1938 schloss sich Österreich den Nationalsozialisten an, weswegen sich Béla Guttmann entschied, nach Ungarn zu ziehen.


In der Hauptstadt Budapest trainierte er Újpest Budapest und feierte dort einen schnellen Erfolg. 1939 holte Béla Guttmann den Mitropa-Pokal, den Vorläufer des Uefa-Cups. In den 1940er-Jahren wird er mehrmals ungarischer Meister. Das brachte Béla Guttmann auf die Idee, ein höheres Gehalt zu fordern. Er versuchte damit den Status des Trainers neu zu definieren. Er wollte für seine Leistungen als Experte ordentlich entlohnt werden. Seine Forderungen wurden vom Vereinspräsidenten abgelehnt und Béla Guttmann verließ prompt den Verein.


Helfer in Not


Während des 2. Weltkrieges wurde Ungarn Bündnispartner der Nationalsozialisten, was auch die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung in Ungarn bedeutete. Béla Guttmann und seine Familie sollten nach Aufenthalten in Arbeitslagern in Budapest und Vac ins Konzentrationslager nach Auschwitz geschickt werden, aber Béla Guttmann hatte Glück. Unbekannte verhalfen Bela Guttmann zur Flucht. Nach der Flucht versteckt ihn der nichtjüdische Bruder seiner Ehefrau bis zum Ende des 2. Weltkrieges auf dem Dachboden. Seine Ehefrau lernte er während des 2. Weltkrieges kennen. Marianne Maldovan rettete nicht nur sein Leben, sondern war auch eine wichtige Stütze für seine Zukunft.


Béla Guttmanns Eltern und seine Schwester wurden in Auschwitz ermordet.


Der wandernde Trainer


Nach Ende des 2. Weltkrieges findet Béla Guttmann sofort einen Job als Trainer. Er heuerte bei Vasas Budapest an, aber blieb nicht lange. Nach einem Intermezzo mit den Funktionären verlässt er den Verein und wird gutbezahlter Trainer in der rumänischen Provinz. In Rumänien war er unglücklich und ging wieder zurück nach Ungarn.


1947 wird er Trainer bei Kispest Budapest und trainierte den größten ungarischen Fußballer der Geschichte: Ferenc Puskás. In den 1950er-Jahren wurde Ungarn zu einer Fußballmacht. Das lag vorallendingen an dem offensiven 4-2-4 von Béla Guttmann, welches vom ungarischen Nationaltrainer übernommen wurde. 1952 gewann Ungarn die olympischen Spiele in Helsinki. 1954 hätte sich die bis heute beste ungarische Mannschaft aller Zeiten auch fast mit einem Weltmeistertitel gekrönt, wurde aber im Finale von Deutschland besiegt.


Ende der 1940er-Jahre zog es Béla Guttmann nach Italien. Er trainierte 1949 Padova Calcio und ein Jahr später US Triestina. Nach einer kurzen Pause zog er 1953 nach Argentinien. Er trainierte nur für wenige Spiele Quilmes AC und kündigte wenig später, weil er in Verhandlungen mit den Boca Juniors stand. Das dort mögliche Engagement scheiterte aber an den zu hohen Gehaltsforderungen. Da seiner Frau wohl auch das Mittelmeerklima lieber war, wurde Bela Guttmann im selben Jahr noch Trainer beim AC Mailand. Dort war Béla Guttmann bis zum Frühjahr 1955 erfolgreich, bis sich die Mannschaft in einem Sinkflug befand. Er wurde entlassen und fand eine neue Trainerstelle beim italienischen Aufsteiger Lanerossi Vincenza.


Die Zeit in Vicenza war für ihn der Horror. 1956 unterstützte ein Teil seiner Mannschaft Korruption im Fußball und manipulierten Spiele. Im selben Jahr hatte Béla Guttmann einen Unfall, mit Todesfolge für den Fahrer des anderen Wagens. Er begann Fahrerflucht. 1960 wurde er in Abwesenheit wegen Totschlages zu einem Jahr Haft verurteilt. Seitdem besuchte er Italien nie wieder, auf die Gefahr hin, festgenommen zu werden.


Futebol do Brasil


1956 schloss sich Béla Guttmann Ferenc Puskás und Honvéd Budapest in Südamerika an. Auf Grund eines ungarischen Volkaufstandes gegen die Suwjetunion, kehrte die Mannschaft von Honvéd Budapest nicht aus Südamerika zurück und verbleibte dort. Während der Südamerika-Reise besuchten man auch Sao Paulo. Sao Paulo überzeugte Béla Guttmann so sehr, dass er sich entschied, nach Ende der Südamerika-Reise und des ungarischen Volksaufstandes nach Brasilien zurückzukehren und die Mannschaft vom FC Sao Paulo zu trainieren. Mit dieser gewann er auch die Staatsmeisterschaft. Sao Paulo wollte Béla Guttmann langfristig binden, aber seine Ehefrau vertrüge wie schon in Argentinien das Wetter nicht.


Brasiliens Fußball profitierte trotzdem von Béla Guttmann. Die brasilianische Nationalmannschaft nutzte Guttmanns Spielsystem bei der Weltmeisterschaft 1958. Mit Erfolg: Brasilien wurde Weltmeister in Schweden.


Welttrainer Béla Guttmann


1958 ging es für Béla Guttmann nach Portugal zum FC Porto. Portugal tat ihm gut. Trotz rechten Diktators wurde er in Portugal als Immigrant akzeptiert. In der ersten Saison holte er mit dem FC Porto auf Anhieb die portugiesische Meisterschaft. Nach der Saison wechselte Béla Guttmann zur direkten Konkurrenz, zu Benfica Lissabon. Bei Benfica Lissabon baute er alles um. Von 30 Spielern mussten mehr als die Hälfte den Verein verlassen. Er holte bewusst mehrere Spieler aus Kolonien wie Angola oder Mosambik. Er wollte Talente holen die hungrig waren. Es waren Spieler für die es die einzige Chance war im Profifußball anzuschließen. Unter diesen Spielern war auch Eusébio dabei, der sich zur Vereinsikone und Portugals Nationalheld entwickeln sollte.


Trotz großer "Kritik", weil Béla Guttmann viele schwarze Spieler aus Afrika holte, war es ihm egal. Mit Benfica Lissabon gewann Béla Guttmann mehrmals die portugiesische Meisterschaft und qualifizierte sich für den eingeführten Europapokal der Landesmeister, dem Vorreiter der Champions League.


Dort sorgte Benfica für ein Novum: Seit der Einführung ist Real Madrid ungeschlagener Serienmeister des Europapokals, erst Benfica Lissabon unter Béla Guttmann, durchbrach die Serie von Real Madrid. Als Außenseiter bezwang Benfica 1961 den FC Barcelona mit 3:2. Im Jahr darauf spielte man im direkten Vergleich gegen Real Madrid. In einem der besten Spiele der europäischen Fußballgeschichte bezwangen Eusébio und Benfica Lissabon Real Madrid mit 5:3. Fußballexperten bewerten das "Jahrhundertmatch" als Geburtsstunde des modernen Offensivfußballs. Béla Guttmanns weiterentwickelte Idee bekam somit ihre Bestätigung und er war am Höhepunkt seiner Trainerkarriere.



Der Guttmann-Fluch


Nach diesen furiosen Erfolgen wollte Bela Guttmanns - wie man es von ihm kannte - eine Gehaltserhöhung. Diese wurde ihm von Benfica Lissabon nicht genehmigt und Guttmann trat prompt zurück.


Nach seinem Rücktritt soll er daraufhin die Aussage „In den nächsten 100 Jahren wird Benfica nie wieder einen Europacup gewinnen“ getätigt haben. Mit dieser Aussage belegte Bela Guttmann Benfica Lissabon mit dem heute bekannten „Guttmann-Fluch“. Seit 1962 gewann Benfica Lissabon nicht einen Europapokal und verlor alle acht Finalteilnahmen.


Béla Guttmann ging wieder nach Südamerika und wurde Trainer bei Penarol Montevideo aus Uruguay. Mit Montevideo qualifizierte er sich für die Halbfinalspiele um den Südamerikapokal. Sein Ziel: Den Südamerikapokal gewinnen und in der Klubweltmeisterschaft Rache an Benfica Lissabon nehmen. Doch in diesem Halbfinale scheiterte er an den FC Santos, die unter anderem Pelé unter Vertrag hatten. Bei Montevideo lief es seitdem nicht mehr. Béla Guttmann machte viele Fehler, womit er selbst auch unzufrieden war. Er kündigte daraufhin.


Die letzten Trainerjahre


1964 übernahm er Österreich, verlor kein Spiel und holte das bestmögliche aus der Nationalmannschaft raus. Da Österreich seine Heimat war, wollte er unbedingt mehr Einfluss auf den österreichischen Fußball nehmen. Nachdem aber Journalisten Béla Guttmann in der Presse mit antisemitischen Äußerungen beleidigten, trat er als Nationaltrainer noch im selben Jahr zurück.


1965 folgte die Rückkehr zu Benfica Lissabon, die aber nur ein kurzes Engagement war. Nach Benfica gab es enttäuschende Trainerstationen bei Servette Genf in er Schweiz und Panathinaikos Athen in Griechenland. Danach sah Béla Guttmann ein, dass er kein Erfolgsgarant mehr ist. Nach einer jahrelangen Pause kehrte er 1973 nach Porto zurück. Es war seine letzte Trainerstation. Mit 75 Jahren beendete Béla Guttmann seine Trainerkarriere.


Er zog sich mit seiner Ehefrau Marianne in Wien zurück und genoss die letzten Jahre. Im August 1981 starb Béla Guttmann.



Seine Trainerkarriere beschrieb Béla Guttmann mal selbstironisch im Nachrichtenmagazin Spiegel: „In meiner langen Laufbahn habe ich viele Länder bereist und in einigen auch gearbeitet. Wenn ich irgendwo im Fußball etwas Gutes sah, das habe ich sofort gestohlen und für mich behalten. Nach einer Weile mixte ich mir einen Cocktail von diesen gestohlenen Delikatessen.“


Quellen:


1: Biograf Claussen über legendären Bela Guttmann: "0:0 hat er gehasst" - Ballesterer - derStandard.de › Sport

2: Die Rundgänge des Bela Guttmann · ballesterer

3: El Benfica, un bicampeón de Europa eternamente maldito por Bela Guttmann (90min.com)

4: Stichtag - 27. Januar 1899: Geburtstag des ungarischen Fußballtrainers Béla Guttmann - Stichtag - WDR

5: Trainer-Legende Béla Guttmann: Global Player mit Geschichte - DER SPIEGEL

6: BELA GUTTMANN / Doppel-Champions League-Sieger aus Wien | Redaktion Österreichisches Pressebüro (oepb.at)

 
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